Eid Mubarak, oder: Wie jeder zweite von uns Islamist geworden ist
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Allen Muslimen ein gesegnetes Eid ul-Fitr. Euch und euren Familien Gesundheit und Glück, besonders den Betroffenen und Vertriebenen im Libanon, Iran, Sudan und Gaza. Meine Gedanken sind ungebrochen bei euch.
Vor knapp einer Woche erschien in der Bild ein Artikel mit dem Titel: „Islamismus für fast jeden 2. jungen Muslim attraktiv”. Im Vorspann: 2025 ist fast jeder zweite Muslim (45,1 Prozent) in Deutschland unter 40 Jahren latent oder manifest islamismusaffin eingestellt.
Die Schlagzeile wurde breit aufgegriffen, politisch instrumentalisiert, und kursierte innerhalb von Stunden durch Nachrichtenkanäle, Telegram-Gruppen und Parlamentsanfragen. Ich finde, es lohnt sich, die Grundlage dieser Aussage genauer anzusehen. Spoiler: Dieses Attest ist so nicht zulässig!
Die Studie
Der Artikel bezieht sich auf den MOTRA-Monitor 2024/25, konkret auf Ergebnisse der Menschen in Deutschland-Studie (MiD); einer jährlichen, repräsentativen Befragung der Universität Hamburg, durchgeführt von Katrin Brettfeld, Peter Wetzels und Kollegen. Sie beinhaltet etwa 1000 muslimische Befragte. Das Projekt ist Teil eines vom BKA koordinierten Forschungsverbunds zur Erfassung von Radikalisierungstendenzen in Deutschland. Es handelt sich um seriöse Forschung, die ich nicht pauschal ablehne.
Dennoch: Gerade weil Extremismusforschung ein Feld ist, in dem methodisch schwache Befunde besonders schnell politisch aufgeladen werden, lohnt es sich, genau hinzuschauen. Was genau wurde gemessen, wie wurde gemessen, und was erlaubt der Befund tatsächlich zu schlussfolgern?
Was die Studie misst: Die acht Items
Islamismusaffine Einstellungen wurden bei muslimischen Befragten anhand von acht Aussagen auf einer vierstufigen Skala (1 = „stimme gar nicht zu” bis 4 = „stimme völlig zu”) erfasst. Die Items sind in drei Subdimensionen gruppiert:
Verhältnis Religion – Politik
- Ein islamischer Gottesstaat ist die beste Staatsform.
- Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland.
- Die deutsche Gesellschaft sollte stärker nach islamischen Regeln gestaltet werden.
- Einen religiösen Führer, der von einem Rat unterstützt wird, finde ich besser als das demokratische System in Deutschland.
Abwertung anderer Religionen und Gesellschaften
- In Deutschland kann man deutlich sehen, dass die christlichen Religionen nicht in der Lage sind, die Moral zu sichern.
- Die Sexualmoral der westlichen Gesellschaften ist völlig verkommen.
- Juden kann man nicht trauen.
Aufwertung des Islam
- Nur der Islam ist in der Lage, die Probleme unserer Zeit zu lösen.
Kritikpunkt I: Konzeptuelle Konfundierung
Der Block „Abwertung anderer Religionen und Gesellschaften” weist die höchsten Zustimmungswerte auf und genau hier liegt das erste Problem.
Die drei Items in diesem Block messen keine islamistischen Einstellungen im konzeptuellen Sinne. Sie erfassen Abwertung, Intoleranz und Antisemitismus, also Haltungen, die in verschiedenen Milieus und Weltanschauungen vorkommen: unter Rechtsextremen, in religiös-konservativen Gruppen anderer Religionen, und in bestimmten Formen des Populismus. Das Item „Juden kann man nicht trauen” wird in der gleichen Studie auch zur Messeung von Rechtsextremismus verwendet.
Der konzeptuelle Kern von “Islamismus” wird durch diese drei Items nicht erfasst. Stattdessen messen sie allgemeine Formen von Abwertung, Intoleranz und antisemitischen Einstellungen, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen und ideologischen Kontexten vorkommen. Ihr Einbezug in die Skala lässt sich daher nicht über ihren inhaltlichen Bezug zu einem spezifischen politischen oder religiösen Konzept rechtfertigen. Sie werden vielmehr nur deshalb als Ausdruck von “Islamismus” interpretiert, weil die Zustimmung von muslimischen Befragten stammt. Damit wird jedoch kein klar definiertes Konstrukt gemessen, sondern eine Zuschreibung vorgenommen, die unabhängig vom tatsächlichen Bedeutungsgehalt der Items ist.
Kritikpunkt II: Interne Inkonsistenz der Items
Ein Befund, der im Bericht selbst enthalten ist, aber kaum thematisiert wird: Die Zustimmungswerte innerhalb der Politik-Items sind auffällig widersprüchlich.
- 23,8 % stimmen zu: Ein islamischer Gottesstaat ist die beste Staatsform.
- Aber nur 9,8 % stimmen zu: Die deutsche Gesellschaft sollte stärker nach islamischen Regeln gestaltet werden.
- Und nur 8,5 % ziehen einen religiösen Führer dem demokratischen System vor.
Wenn jemand ernsthaft eine islamische Staatsform befürwortet, wäre zu erwarten, dass er auch deren konkrete Umsetzung in Deutschland befürwortet; zumindest bei jenen, denen man islamistische Überzeugung zuschreibt. Das Gegenteil ist hier der Fall: Die abstrakte Aussage erhält fast dreimal so viel Zustimmung wie die konkreten Folgeaussagen.
Eine naheliegende Erklärung: Zumindest ein Teil der Zustimmung zur ersten Aussage dürfte nicht auf politische Aspiration zurückgehen, sondern auf religiös-idealtypische Vorstellungen, etwa die Idee einer gerechten islamischen Gemeinschaft zu prophetischen Zeiten, ohne konkrete politische Programmatik für Deutschland. Das ist eine Hypothese, keine Gewissheit. Aber die Inkonsistenz zwischen den Items legt sie nahe und hätte zumindest diskutiert werden müssen.
Kritikpunkt III: Die Koran-Frage als falsches Dilemma
„Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland” ist eine Frage, die regelmäßig in Surveys zu muslimischen Einstellungen verwendet wird und als Extremismus-Indikator. Das Problem: Sie konstruiert ein falsches Dilemma, das für viele Muslime so nicht existiert.
Viele Muslime begründen ihre Rechtstreue und Demokratieakzeptanz aus dem Islam heraus, nicht trotz ihm. Die Frage, ob das wörtliche Wort des allmächtigen udn allwissenden Gottes „wichtiger” ist als ein Parlamentsgesetz, stellt für gläubige Muslime wohlmöglich eine theologische, keine politische Frage dar. Eine Zustimmung hier bedeutet nicht zwingend die Bereitschaft, deutsches Recht zu missachten oder eine Theokratie anzustreben. Die Verwendung dieser Antwort als Islamismus-Indikator ist konzeptuell zweifelhaft.
Kritikpunkt IV: Die Berechnung und ihre Cutoffs
Die acht Items wurden zu einer Mittelwertskala aggregiert: Die Summe aller acht Antworten wird durch acht geteilt. Daraus ergibt sich ein Wert zwischen 1 und 4. Dann wurden Schwellenwerte gesetzt:
- Mittelwert ≤ 2,0 → Ablehnung islamistischer Einstellungen
- Mittelwert > 2,0 bis ≤ 2,8 → latent islamistisch
- Mittelwert > 2,8 → manifest islamistisch
Mathematisch heißt ein Mittelwert von > 2,0: Die Summe der acht Antworten übersteigt 16. Das ist die Mitte des theoretisch möglichen Bereichs (8 bis 32). Jemand mit MW = 2,1 hat im Durchschnitt die meisten Fragen eher zugestimmt. Als „latent islamistisch” beschrieben zu werden, ist für diesen Fall eine starke Behauptung.
Drei Punkte dazu:
Erstens: Die Cutoffs sind nicht empirisch hergeleitet, sondern gesetzt. Es gibt keine inhaltliche Begründung dafür, warum 2,0 und nicht 1,9 oder 2,2 die Grenze zur islamistischen „Latenz” markiert. Eine Verschiebung dieser Schwelle um wenige Zehntel kann die Prävalenzrate deutlich verändern, ohne dass sich an den tatsächlichen Einstellungen irgendetwas geändert hätte.
Zweitens: Die Begriffe „latent” und „manifest” suggerieren qualitative Unterschiede, die in den Daten nicht sichtbar sind. Es handelt sich lediglich um quantitative Abschnitte auf einem kontinuierlichen Mittelwert-Spektrum. Ein Befragter mit MW = 2,1 und einer mit MW = 2,7 sind beide „latent” – obwohl ihre tatsächlichen Antwortmuster stark variieren können.
Drittens: Der Mittelwert verschleiert, welchen Fragen jemand überhaupt zugestimmt hat. Ein Wert von 2,1 sagt nichts darüber aus, ob diese Person eine Theokratie befürwortet, demokratische Institutionen ablehnt, oder schlicht den Abwertungsfragen zugestimmt hat, die, wie oben gezeigt, kein islamistisches Spezifikum sind. Sind alle acht Fragen gleich schwerwiegend? Würde die alleinige Zustimmung zu „Ich wünsche mir keine Demokratie in Deutschland” nicht ausreichen, ohne dass ein einziges Abwertungsitem angekreuzt wurde? Der Mittelwert gibt darauf keine Antwort. Er nivelliert genau diese Unterschiede, die inhaltlich entscheidend wären.
Eine Simulation
Da mir die Rohdaten nicht vorliegen, habe ich die Daten unter den bekannten Rahmenbedingungen simuliert: 1.000 Personen, Zustimmungsraten entsprechend der veröffentlichten Einzelitem-Werte (2025), mit einer realistischen blockweisen Korrelationsstruktur (Politik-Items r ≈ 0.37 untereinander, Abwertungs-Items r ≈ 0.27 untereinander, zwischen den Blöcken r ≈ 0.12). Die folgende Analyse bezieht sich ausschließlich auf diese Simulation, sie beschreibt nicht die tatsächlichen Daten, aber zeigt, was unter diesen Annahmen plausiblerweise der Fall sein könnte.
Was ich dabei finde:
1. Die Cutoffs sind hochsensitiv. Bei einer Verschiebung auf (2,3 / 2,8) sinkt der Anteil Latent+Manifest auf unter 30 %. Bei (2,5 / 3,0) auf knapp 15 %. Allein durch die Wahl der Schwellenwerte schwankt die Prävalenz also zwischen 15 % und 45 % bei identischen Daten.
2. Ein relevanter Anteil der klassifizierten Personen landet nur wegen der Abwertungs-Items in der Latent/Manifest-Gruppe. In meiner Simulation: Unter allen als latent oder manifest klassifizierten Personen haben knapp 10 % alle vier politischen Items und die Islam-Aufwertungs-Frage mit 1 oder 2 beantwortet – sie wurden allein durch die Abwertungs-Items über die Schwelle gehoben. Das bedeutet: Wer keine islamisch-politischen Aspirationen hat und demokratischen Institutionen gegenüber nicht feindlich ist, aber findet, dass die westliche Sexualmoral problematisch ist, oder Misstrauen gegenüber Juden äußert, kann in diesem Instrument als islamistisch klassifiziert werden.
Das wären Menschen mit konservativen oder antisemitischen Einstellungen; ein ernstes Problem, aber ein anderes.
Fazit
Ich erkenne an, dass Brettfeld, Wetzels und Kollegen ein methodisch ambitioniertes Forschungsprogramm betreiben, das wichtige Daten über Radikalisierungstendenzen in Deutschland liefert. Der Anspruch, religiös begründeten Extremismus empirisch zu messen, ist berechtigt.
Aber die pauschale Übersetzung eines Mittelwerts von > 2,0 auf einer 8-Item-Skala in das Etikett „islamistisch” und dessen anschließende öffentliche Verwertung als „jeder zweite junge Muslim in Deutschland”, ist weder durch die Daten noch durch die Methodik gedeckt. Wissenschaftler*innen tragen keine Verantwortung für die Instrumentalisierung ihrer Ergebnisse. Wohl aber dafür, dass ihre Befunde nachvollziehbar, prüfbar und in ihrer Reichweite klar begrenzt kommuniziert werden. —
Der R-Code zur Simulation ist auf Anfrage verfügbar.
